El Escorial: Klosterpalast Philipps II. in der Sierra de Guadarrama
Als König Philipp II. von Spanien im September 1598 im Sterben lag, blickte er von seinem schlichten Bett aus direkt auf den Hochaltar einer gewaltigen Basilika. Seine Gemächer im Escorial hatte er bewusst so anlegen lassen, dass er die Messe verfolgen konnte, ohne das Zimmer zu verlassen. Diese Szene sagt mehr über das Bauwerk aus als jede Statistik: El Escorial, zwischen 1563 und 1584 rund fünfzig Kilometer nordwestlich von Madrid errichtet, war nie bloß ein Palast und nie bloß ein Kloster, sondern der in Granit gefasste Lebensentwurf eines Königs, der ein Weltreich regierte und zugleich wie ein Mönch wohnen wollte. Seit 1984 gehört die Anlage zum Welterbe der UNESCO.
Ein Gelübde nach der Schlacht bei Saint-Quentin
Der Überlieferung nach beginnt die Geschichte des Escorial am 10. August 1557, dem Festtag des heiligen Laurentius. An diesem Tag besiegten die Truppen Philipps II. das französische Heer bei Saint-Quentin in Nordfrankreich. Aus Dankbarkeit gelobte der König, dem Heiligen ein großes Gotteshaus zu stiften, und so trägt die Anlage bis heute den Namen San Lorenzo el Real. Eine zählebige Tradition will im Grundriss des Baus, einem großen Rechteck mit querlaufenden Flügeln, den Rost erkennen, auf dem Laurentius der Legende nach den Märtyrertod erlitt. Wie wörtlich diese Deutung gemeint war, ist in der Forschung umstritten, doch sie prägt den Blick auf das Gebäude seit Jahrhunderten. Hinter dem frommen Anlass stand ein handfestes dynastisches Programm: Philipp suchte eine würdige Grablege für seinen Vater, Kaiser Karl V., und für das ganze Haus Habsburg in Spanien. Ein Konvent von Hieronymiten, einem der Krone traditionell eng verbundenen Orden, sollte an diesem Ort ohne Unterlass für die verstorbenen Könige beten.
Granit, Landschaft und ein sprechender Name
Der Bauplatz am Südhang der Sierra de Guadarrama war mit Bedacht gewählt. Die Gegend lieferte das Baumaterial gleich mit: harten, hellgrauen Granit, der dem Gebäude seine strenge, fast festungsartige Erscheinung verleiht. Der Name El Escorial stammt von der Ortschaft, bei der das Kloster entstand, und wird gewöhnlich auf das spanische Wort für Schlacke zurückgeführt, ein Nachklang alter Eisenverhüttung in dieser Landschaft. Wer heute von Madrid aus anreist, sieht die gewaltige Granitmasse schon von Weitem vor der Bergkette liegen. Die Höhenlage bringt kühle, klare Luft, und genau diese Verbindung von Abgeschiedenheit und Nähe zur neuen Hauptstadt Madrid, die Philipp kurz zuvor zum Regierungssitz gemacht hatte, machte den Ort für das königliche Vorhaben so attraktiv: weit genug entfernt für klösterliche Stille, nah genug für die Geschäfte eines Weltreichs.
Zwei Architekten und ein neuer Stil
Den ersten Entwurf lieferte Juan Bautista de Toledo, ein in Italien geschulter Architekt, der zuvor am Petersdom in Rom mitgearbeitet hatte. Er legte die Gesamtdisposition fest, starb jedoch bereits 1567, nur wenige Jahre nach der Grundsteinlegung. Die Leitung des riesigen Unternehmens ging auf seinen Mitarbeiter Juan de Herrera über, der den Bau 1584 vollendete und ihm seine endgültige Gestalt gab. Was dabei entstand, ging als estilo herreriano in die Architekturgeschichte ein: schmucklose Granitwände, klare Geometrie, Schieferdächer und spitze Ecktürme, eine Ästhetik des Ernstes und der Dauer. Der bewusste Verzicht auf die überbordende Ornamentik älterer spanischer Bauten passte zum Charakter des Königs ebenso wie zum Geist der Gegenreformation. Von hier aus strahlte der Stil auf Kirchen, Klöster und Profanbauten in ganz Spanien und in den überseeischen Gebieten der Krone aus, und für Generationen spanischer Baumeister blieb der Escorial der Maßstab, an dem sich alles messen lassen musste.
Kloster, Palast, Schule und Krankensaal unter einem Dach
Das eigentlich Erstaunliche am Escorial ist sein Programm. Innerhalb einer einzigen, geschlossenen Umfassung vereinte Philipp ein Kloster mit Kreuzgängen und Kapitelsälen, einen Königspalast, eine Basilika, ein Kolleg mit Seminar, eine Bibliothek und ein Krankenrevier. Der Zugang führt durch die Westfassade in den Königshof, den Patio de los Reyes, benannt nach den Standbildern von sechs Königen des alten Juda über dem Kircheneingang. Der Vergleich mit dem Tempel Salomos in Jerusalem war gewollt und wurde von den Zeitgenossen verstanden. Während die Wohnräume Philipps II. von geradezu demonstrativer Schlichtheit sind, richteten sich die Bourbonen im achtzehnten Jahrhundert Teile des Palastes nach ihrem eigenen, weit prunkvolleren Geschmack ein. So bewahrt das Gebäude heute zwei völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie ein König zu wohnen habe, nur wenige Schritte voneinander entfernt.
Die Bibliothek mit den goldenen Buchschnitten
Zu den Glanzpunkten des Escorial zählt die Bibliothek, eine der großen Gelehrtenstiftungen der europäischen Renaissance. Ihr Hauptsaal ist ein langer, lichter Raum unter einem Tonnengewölbe, das Pellegrino Tibaldi und seine Mitarbeiter mit Allegorien der freien Künste ausmalten. In den Regalen stehen Drucke und Handschriften in lateinischer, griechischer, hebräischer, kastilischer und arabischer Sprache; die Sammlung arabischer Manuskripte gehört zu den bedeutendsten Europas. Eine berühmte Eigenheit fällt jedem Besucher sofort auf: Die Bücher stehen mit dem vergoldeten Schnitt nach außen, nicht mit dem Rücken, sodass der ganze Saal in einem warmen Goldton schimmert. Philipp verstand die Bibliothek nicht als private Schatzkammer, sondern als Arbeitsinstrument für Mönche und Gelehrte, und als solches wird sie bis heute genutzt und erforscht.
Die Basilika, die Leoni-Bronzen und die Kunst
Geistliches und geometrisches Zentrum der Anlage ist die kuppelgekrönte Basilika. Zu beiden Seiten des Hochaltars knien zwei Gruppen vergoldeter Bronzefiguren im Gebet: auf der einen Seite Kaiser Karl V. mit Angehörigen seiner Familie, auf der anderen Philipp II. mit den Seinen. Sie stammen aus der Werkstatt der Bildhauerfamilie Leoni und verwandeln den Altarraum in einen dauerhaften königlichen Andachtsakt. Auch die Malerei spielte von Anfang an eine tragende Rolle. Tizian, der Jahrzehnte für die Habsburger arbeitete, lieferte ein Martyrium des heiligen Laurentius für die Kirche. El Greco malte sein Martyrium des heiligen Mauritius eigens für die Basilika, doch dem König missfiel das Ergebnis für den vorgesehenen Altar, und das Bild wurde an anderer Stelle im Kloster aufgehängt, wo es bis heute zu den größten Schätzen der Sammlung zählt. Hinzu kommen flämische Meister wie Rogier van der Weyden und Hieronymus Bosch, dessen rätselhafte Bildwelten Philipp II. mit besonderer Leidenschaft sammelte, sowie die Fresken Luca Giordanos, der Ende des siebzehnten Jahrhunderts unter Karl II. das große Treppenhaus ausmalte.
Die Königsgruft unter dem Hochaltar
Unmittelbar unter dem Hochaltar der Basilika liegt der dynastische Kern des ganzen Unternehmens: das Pantheon der Könige. Philipp II. hatte eine königliche Gruft geplant, doch der achteckige Raum, in den Besucher heute hinabsteigen, wurde erst unter seinen Nachfolgern verwirklicht, begonnen unter Philipp III. und vollendet unter Philipp IV. in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Es ist ein kleiner, überwältigend reicher Raum aus dunklem Marmor, Jaspis und vergoldeter Bronze, dessen Wände gleichförmige, übereinander gestaffelte Sarkophage füllen. Fast alle spanischen Monarchen seit Karl V. ruhen hier, mit nur wenigen Ausnahmen im Lauf der Jahrhunderte. Eine anschließende Folge von Kammern, das im neunzehnten Jahrhundert eingerichtete Pantheon der Infanten, nimmt Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses auf. Die Hieronymiten, die hier jahrhundertelang beteten, verließen das Kloster in den Wirren des neunzehnten Jahrhunderts; seit 1885 betreuen Augustiner die Anlage, halten das geistliche Leben aufrecht und führen eine Schule, sodass der Escorial bis heute kein bloßes Museum, sondern eine lebendige Stiftung ist.
Auf der Karte
Wer den Escorial wirklich verstehen will, sollte ihn im Zusammenhang seiner Landschaft sehen, zwischen Madrid, den Pässen der Guadarrama und den alten Königsorten Kastiliens. Öffnen Sie unsere interaktive map, um die Königliche Stätte San Lorenzo de El Escorial zu finden und in der Umgebung weitere Klöster und königliche Gründungen zu entdecken. Der Vergleich der Standorte macht anschaulich, warum Philipp II. gerade diesen Berghang für das ehrgeizigste Bauwerk seiner Regierungszeit wählte.