Der Abt und das Gelübde des Gehorsams in der Regel Benedikts
Auf dem Berg über Cassino, wo Benedikt von Nursia um das Jahr 529 sein berühmtestes Kloster gründete, entstand Mitte des sechsten Jahrhunderts ein Text von kaum hundert Seiten, der das abendländische Mönchtum über Jahrhunderte prägen sollte. Die Regel Benedikts beginnt mit dem Wort „Höre" – höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters und neige das Ohr deines Herzens. Schon im Prolog nennt Benedikt das Ziel des ganzen Unternehmens: Durch die Mühe des Gehorsams soll der Mönch zu dem zurückkehren, von dem er sich durch die Trägheit des Ungehorsams entfernt hat. Gehorsam ist hier keine Unterwerfung um ihrer selbst willen, sondern ein Heimweg, und die Gestalt, die diesen Weg begleitet, ist der Abt.
Vater, nicht Herrscher
Bereits der Titel des Amtes verrät Benedikts Absicht. Das Wort Abt geht auf das aramäische abba zurück, den vertrauten Anruf des Vaters, den das Neue Testament Christus selbst in den Mund legt. Im zweiten Kapitel der Regel, das fragt, wie der Abt sein soll, zieht Benedikt daraus eine kühne Folgerung: Man glaubt, dass der Abt im Kloster die Stelle Christi vertritt, weil er mit dessen Namen angeredet wird. Diese Würde ist zugleich eine Bürde. Weil der Abt für Christus steht, darf er nichts lehren, was den Geboten des Herrn widerspricht; sein Leben muss seine Worte beglaubigen. Benedikt verlangt ausdrücklich, dass der Abt mehr durch sein Beispiel als durch Reden lehrt und dass er niemanden im Kloster bevorzugt – der ehemalige Sklave gilt ihm so viel wie der Freigeborene, denn in Christus sind alle eins.
Die Rechenschaft am Tag des Gerichts
Kein Gedanke kehrt im zweiten Kapitel so beharrlich wieder wie dieser: Der Abt wird am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen, und zwar nicht nur über die eigene Seele, sondern über die Seelen aller ihm anvertrauten Brüder. Der Hirte wird nach der Herde gefragt werden. Aus dieser Verantwortung erwächst die seelsorgliche Klugheit, die Benedikt seinem Abt abverlangt. Er soll sich den Charakteren der vielen anpassen, den einen mit Güte gewinnen, den anderen zurechtweisen, den dritten überzeugen – wie ein weiser Arzt, der das Heilmittel nach der Krankheit wählt. Das vierundsechzigste Kapitel, das im Ton milder ist als das zweite, fügt hinzu, der Abt solle mehr geliebt als gefürchtet werden, die Fehler hassen, aber die Brüder lieben, und alles so ordnen, dass die Starken finden, wonach sie verlangen, und die Schwachen nicht davonlaufen. Nützen soll er mehr als herrschen – in diesem Satz verdichtet sich Benedikts ganzes Amtsverständnis.
Vom Kloster gewählt
Anders als mancher denken mag, fällt der Abt in der Benediktsregel nicht vom Himmel und wird auch nicht von außen eingesetzt. Nach dem vierundsechzigsten Kapitel geht er in der Regel aus der Wahl durch die eigene Gemeinschaft hervor; maßgeblich sollen dabei die Bewährung des Lebens und die Weisheit der Lehre sein, nicht das Alter oder die Herkunft. Einmal eingesetzt, trägt er das Amt auf Lebenszeit. Diese Verbindung von Wahl durch die Brüder und anschließender väterlicher Vollmacht gehört zu den bemerkenswertesten Zügen der Regel: Die Gemeinschaft gibt sich ihren Vater selbst, und gerade deshalb kann sie ihm gehorchen, ohne sich zu erniedrigen. Benedikt kannte die Gefahren des Amtes genau; gegenüber dem Prior, dem zweiten Mann im Kloster, äußert er sich im fünfundsechzigsten Kapitel auffallend misstrauisch, weil aus geteilter Macht leicht Ehrgeiz und Spaltung erwachsen.
Gehorsam ohne Zögern
Das fünfte Kapitel ist die klassische Seite über den Gehorsam des Mönchs. Sein erster Satz lautet, die erste Stufe der Demut sei der Gehorsam ohne Zögern. Wer Christus nichts vorzieht, so Benedikt, lässt auf ein Wort des Oberen hin das Eigene unvollendet liegen, sodass Befehl und Ausführung beinahe in einem einzigen Augenblick geschehen. Doch die Schnelligkeit allein genügt nicht. Benedikt achtet ebenso auf die innere Haltung: Ein Gehorsam, der mit Widerwillen geleistet wird, mit Murren nicht einmal im Mund, sondern nur im Herzen, findet vor Gott keine Anerkennung, selbst wenn die Aufgabe erledigt wird. Das Murren – die murmuratio der alten Mönchssprache – ist für Benedikt das eigentliche Gift des Klosterlebens, und die Regel kommt immer wieder darauf zurück. Gehorsam und Murren schließen einander aus, weil das eine Vertrauen aufbaut und das andere es zersetzt.
Das Gelübde bei der Profess
Wenn ein Neuling das Probejahr bestanden hat, das im achtundfünfzigsten Kapitel beschrieben wird, legt er vor der ganzen Gemeinschaft sein Versprechen ab. Benedikt nennt drei Stücke: Beständigkeit, klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam. Die drei gehören zusammen wie Fundament, Weg und Schritt. Die Beständigkeit bindet den Mönch bis zum Tod an eine bestimmte Gemeinschaft, der klösterliche Lebenswandel verpflichtet ihn zur fortwährenden Umkehr, und der Gehorsam gibt beidem seine tägliche, greifbare Gestalt. Es ist leicht, Bekehrung im Allgemeinen zu versprechen; schwer ist es, Tag für Tag die Entscheidungen eines bestimmten, fehlbaren Menschen über Arbeit, Gebet, Essen und Schlaf anzunehmen. Benedikt schöpft hier aus der Weisheit der Wüstenväter, bei denen sich der Schüler einem Altvater anvertraute, weil der Eigenwille als der listigste aller Herren galt. Die Regel überträgt diese Weisheit der Einsiedler auf eine sesshafte, geordnete Gemeinschaft: Aus dem Altvater der Wüste wird der Abt, aus der persönlichen Jüngerschaft ein Leben nach gemeinsamer Ordnung, in dem die Profess vor Gott und seinen Heiligen abgelegt und schriftlich auf den Altar gelegt wird.
Wenn der Auftrag unmöglich scheint
Zu den menschlichsten Kapiteln der Regel gehört das achtundsechzigste. Was soll ein Bruder tun, dem etwas Unmögliches aufgetragen wird? Benedikt rät keineswegs zu blindem Kadavergehorsam. Der Mönch soll den Befehl zunächst mit Sanftmut annehmen; sieht er dann, dass die Last seine Kräfte wirklich übersteigt, darf er dem Oberen geduldig und zur rechten Zeit die Gründe darlegen – ohne Stolz, ohne Widerstand, ohne Widerrede. Bleibt der Obere dennoch bei seiner Anordnung, soll der Bruder im Vertrauen auf Gottes Hilfe aus Liebe gehorchen. Der Gehorsam führt also durch das ehrliche Wort hindurch, nicht an ihm vorbei, und er setzt einen Abt voraus, der zuhören kann. Dass Benedikt das Zuhören ernst meint, zeigt schon das dritte Kapitel: Bei allen wichtigen Angelegenheiten soll der Abt die ganze Gemeinschaft zum Rat zusammenrufen, denn oft offenbart der Herr dem Jüngeren das Bessere. Entscheiden muss danach der Abt allein – aber erst, nachdem er gehört hat.
Gegenseitiger Gehorsam und die Frucht der Demut
Im einundsiebzigsten Kapitel weitet Benedikt den Gehorsam über das Verhältnis zum Abt hinaus: Die Brüder sollen einander gehorchen, denn auf diesem Weg des Gehorsams, so schreibt er, gehen sie zu Gott. Gehorsam ist damit kein bloßes Organisationsprinzip, sondern eine Grundhaltung, die alle Beziehungen im Kloster durchdringt und im zweiundsiebzigsten Kapitel über den guten Eifer ihre schönste Ausformulierung findet. Das siebte Kapitel über die zwölf Stufen der Demut ordnet den Gehorsam in einen inneren Aufstieg ein, an dessen Ende die Liebe steht, die die Furcht vertreibt. Diese Verbindung von väterlicher Autorität, gewählter Leitung und freiem Gehorsam erwies sich als außerordentlich tragfähig: Die Synoden von Aachen im frühen neunten Jahrhundert machten die Benediktsregel unter Anleitung Benedikts von Aniane zur Norm des fränkischen Mönchtums, Cluny baute ab dem Jahr 910 ein weitgespanntes Netz um die Autorität seines Abtes, und die Zisterzienser kehrten seit 1098 bewusst zum Buchstaben der Regel zurück.
Auf der Karte
Die Orte, an denen dieses Zusammenspiel von Vaterschaft und Gehorsam gelebt wurde und wird, prägen die europäische Landschaft bis heute – von Montecassino über die Tochterklöster Clunys und Cîteaux' bis zu den Benediktinerabteien, in denen die Regel nach wie vor den Tag ordnet. Auf unserer interaktiven Karte lassen sich Klöster in Ihrer Nähe finden, die Ausbreitung der benediktinischen Familie über den Kontinent verfolgen und Ausflüge zu Orten planen, an denen die Regel Benedikts kein Museumsstück ist, sondern gelebter Alltag.