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Cluny: Aufstieg und Untergang der mächtigsten Abtei des Mittelalters

Wer heute durch das südburgundische Städtchen Cluny geht, steht irgendwann vor einem achteckigen Glockenturm, der scheinbar zusammenhanglos über den Dächern aufragt. Er gehört zum südlichen Arm des großen Querhauses – dem letzten aufrecht stehenden Rest einer Kirche, die über vier Jahrhunderte lang die größte der Christenheit war, bis in Rom der Neubau von Sankt Peter vollendet wurde. Der Rest des gewaltigen Baus wurde nach der Französischen Revolution verkauft und als Steinbruch ausgeschlachtet. Und doch lenkte von diesem Ort aus einst eine einzige Abtei das geistliche Leben weiter Teile Europas.

Wilhelm der Fromme und die Gründung von 910

Am Anfang stand eine Schenkung: Im Jahr 910 übertrug Wilhelm der Fromme, Herzog von Aquitanien, ein Jagdgut im Tal der Grosne an eine kleine Gruppe von Mönchen unter Abt Berno von Baume. Adlige Klostergründungen waren damals nichts Ungewöhnliches; ungewöhnlich war der Wortlaut der Urkunde. Wilhelm schenkte das Kloster weder seiner eigenen Familie noch dem zuständigen Bischof, sondern den Aposteln Petrus und Paulus – und stellte es damit unmittelbar unter den Schutz des römischen Stuhls. In einer Zeit, in der Klöster vielerorts wie Familienbesitz behandelt, ihrer Einkünfte beraubt und an unfähige Verwandte vergeben wurden, war das eine geradezu revolutionäre Konstruktion. Sie verschaffte Cluny den Freiraum, das monastische Leben nach eigenen Maßstäben zu gestalten.

Freiheit von Bischof und Fürst

Die berühmte libertas von Cluny hatte zwei Seiten. Nach außen bedeutete sie: Kein weltlicher Herr und kein Bischof durfte sich in die Angelegenheiten der Abtei einmischen, kein Vogt ihre Güter plündern, kein Fürst ihr einen Abt aufzwingen. Nach innen bedeutete sie: Die Mönche wählten ihren Abt frei, und dieser stand an der Spitze einer geistlichen Gemeinschaft, die nur dem Papst verantwortlich war. Diese enge Bindung an Rom erwies sich als folgenreich. Cluny wurde zu einem natürlichen Verbündeten des Papsttums in dessen Ringen um die Unabhängigkeit der Kirche von weltlicher Gewalt, und die Ideale der cluniazensischen Reform – würdiges geistliches Leben, kanonische Wahlen, Freiheit der Kirche – wirkten weit über die Klostermauern hinaus in die große Kirchenreform des elften Jahrhunderts hinein. Mit Urban II. bestieg schließlich ein ehemaliger Mönch und Prior von Cluny den Papstthron.

Das immerwährende Gebet

Die Mönche von Cluny lebten nach der Regel des heiligen Benedikt, verschoben deren Gleichgewicht jedoch entschieden zugunsten der Liturgie. Benedikt hatte Gebet, Handarbeit und Lesung im Tageslauf ausbalanciert; in Cluny dehnte sich das opus Dei, das Gotteslob im Chor, aus, bis es fast den gesamten Tag füllte. Psalmen, Prozessionen, gesungene Messen und Totengedenken folgten in nahezu ununterbrochener Folge aufeinander, gefeiert mit einer Pracht, die Zeitgenossen überwältigte. Dahinter stand ein klarer Gedanke: Die Mönche beteten stellvertretend für alle anderen. Adelsfamilien statteten Cluny mit Land aus, gerade damit die Mönche für ihr Seelenheil und das ihrer Verstorbenen eintraten. Abt Odilo führte im frühen elften Jahrhundert ein jährliches Gedenken an alle verstorbenen Gläubigen am Tag nach Allerheiligen ein. Von Cluny aus verbreitete sich dieser Brauch in der ganzen lateinischen Kirche – als Allerseelen gehört er bis heute zu den dauerhaftesten Vermächtnissen der Abtei. Diese zentrale Rolle des Totengedenkens erklärt zugleich den außerordentlichen wirtschaftlichen Erfolg des Klosters: Das Gebet für die Seelen galt dem Adel jener Zeit als der kostbarste Dienst überhaupt, und über Generationen hinweg flossen Schenkungen nach Cluny, bis die Abtei zu einem der größten Grundbesitzer Europas geworden war.

Sechs Äbte, zwei Jahrhunderte

Clunys Aufstieg verdankte sich auch einer erstaunlichen Kontinuität an der Spitze. Vom frühen zehnten bis zur Mitte des zwölften Jahrhunderts wurde die Abtei von einer kurzen Reihe langlebiger, tatkräftiger und weithin verehrter Äbte geleitet: Berno, Odo, Majolus, Odilo, Hugo und Petrus Venerabilis. Mehrere von ihnen wurden als Heilige verehrt. Hugo von Semur allein regierte sechs Jahrzehnte, von 1049 bis 1109; er beriet Päpste, Kaiser und Könige und leitete zugleich den Bau der großen Kirche. Petrus Venerabilis, der letzte der großen Reihe, nahm den verurteilten Philosophen Petrus Abaelard in dessen letzten Lebensjahren auf und ließ als Erster den Koran ins Lateinische übersetzen, damit der Islam studiert und nicht bloß verzerrt dargestellt werden konnte. Weil die Äbte auf Lebenszeit amtierten und ihre Nachfolger sorgfältig heranzogen, besaß Cluny eine Beständigkeit, die kaum eine andere mittelalterliche Institution erreichte.

Die größte Kirche der Christenheit

1088 begann Abt Hugo einen Kirchenbau, der der Stellung der Abtei entsprechen sollte – die Forschung nennt ihn Cluny III, weil er zwei ältere Kirchen an derselben Stelle ablöste. Das Ergebnis war die größte Kirche der Welt: mit vollendeter Vorhalle knapp 190 Meter lang, mit doppelten Seitenschiffen, zwei Querhäusern, einem Kranz von Kapellen um den Chor und einer Silhouette aus mehreren Türmen. Die Tonnengewölbe ruhten auf Spitzbögen – eine kühne Lösung, die die romanische Bautechnik an ihre Grenzen führte. Papst Urban II. weihte 1095 den Hochaltar, im selben Jahr, in dem er zum Ersten Kreuzzug aufrief; gebaut wurde noch tief ins zwölfte Jahrhundert hinein. Wer heute eine Ahnung von der Raumwirkung gewinnen will, besucht die nicht weit entfernte Prioratskirche von Paray-le-Monial, die den Aufriss von Cluny III in kleinerem Maßstab wiederholt. Nicht alle waren begeistert: Bernhard von Clairvaux geißelte den cluniazensischen Prunk in einer der schärfsten Streitschriften des Mittelalters, und seine Zisterzienser setzten der Pracht bewusste Kargheit entgegen.

Ein Netz aus tausend Prioraten

Cluny inspirierte andere Klöster nicht nur – es gliederte sie ein. Reformierte Häuser wurden in der Regel zu Prioraten, die unmittelbar dem Abt von Cluny unterstanden; ihre Mönche legten die Profess auf ihn ab, nicht auf einen örtlichen Oberen. Das war ein stiller Umsturz im benediktinischen Leben, das bis dahin aus selbstständigen Abteien bestanden hatte. An seine Stelle trat die ecclesia cluniacensis, ein zentral geführtes Netzwerk, das nach manchen Schätzungen auf über tausend abhängige Häuser anwuchs – in Frankreich, Spanien, Italien, im Reich und in England, wo 1077 mit Lewes das erste cluniazensische Priorat entstand. Große Tochterhäuser wie La Charité-sur-Loire waren selbst monastische Großmächte. Der Abt von Cluny bereiste sein Reich, setzte Prioren ein und wachte über die Einhaltung der Gewohnheiten des Mutterklosters, die in eigenen Consuetudines schriftlich festgehalten wurden. Rund zwei Jahrhunderte lang setzte das cluniazensische Modell so den Maßstab für das reformierte Mönchtum des lateinischen Westens – bis jüngere Bewegungen wie die Zisterzienser mit anderen Idealen an ihm vorbeizogen.

Vom Kloster zum Steinbruch

Clunys Niedergang verlief erst schleichend, dann abrupt. Seit dem Spätmittelalter verlor die Abtei an Boden gegenüber jüngeren Orden, und das Kommendewesen, bei dem die französische Krone die Abtswürde an Außenstehende vergab, die nur die Einkünfte bezogen, höhlte ihre Unabhängigkeit aus – selbst Kardinal Richelieu trug den Titel. 1562 plünderten hugenottische Truppen die Abtei in den Religionskriegen. Der Konvent schrumpfte, und als die Revolution 1790 die Klöster aufhob, lebte nur noch eine kleine Zahl von Mönchen in Cluny. Die Kirche wurde als Nationalgut verkauft, und ab 1798 nutzten die neuen Eigentümer sie als Steinbruch. Über Jahrzehnte hinweg wurde der größte Kirchenbau des Mittelalters gesprengt und abgetragen; weniger als ein Zehntel blieb stehen. Erhalten sind der südliche Querhausarm mit dem Clocher de l'Eau Bénite, der monumentale Kornspeicher mit geretteten Kapitellen aus dem Chor sowie jüngere Klostergebäude, in denen heute eine Ingenieurhochschule arbeitet. Viel von unserem Wissen über die Kirche verdanken wir dem amerikanischen Archäologen Kenneth John Conant, der ab 1928 jahrzehntelang in Cluny grub.

Auf der Karte

Cluny versteht man am besten nicht als einzelne Stätte, sondern als Mittelpunkt eines Geflechts, das sich einst über ganz Europa spannte. Viele der Tochterklöster stehen noch – manche als Ruine, manche als lebendige Kirche. Auf unserer interaktiven Karte lässt sich die ganze cluniazensische Welt nachverfolgen, zusammen mit Tausenden weiteren Abteien und Klöstern, etwa für eine Route durch Burgund von Cluny über Paray-le-Monial bis La Charité-sur-Loire.